Mannheimer Morgen Presseartikel

Flüchtlinge mit auf der Bühne

ARCHIV-ARTIKEL VOM MITTWOCH, DEN 24.02.2016

Von unserer Mitarbeiterin Andrea Sohn-Fritsch

Das Absprung-Theater mit dem Stück „Unfreiwillig hier sein“ auf der Bühne im Forum der Jugend.

© Prosswitz

Ein verzogenes High-Society-Gör, ein karrieregeiler Banker, ein Kunstfälscher und eine Lehrerin, die die Finger nicht von ihren Schülern lassen kann – diese vier total unterschiedlichen Personen haben eines gemeinsam: Sie haben vom Richter ein Sozialprojekt aufgebrummt bekommen, weil sie straffällig geworden sind. Dazu kommt noch eine ziemlich unfähige und verklemmte „Staatlich geprüfte Fachpädagogin für Re-Integration“ (Alexandra Korbut), und die Besetzungsliste für das Theaterstück „Unfreiwillig hier sein“ im Forum Mannheim ist voll. Fast. Denn sechs junge syrische Flüchtlinge spielen ebenfalls mit.

Bei der ausverkauften Premiere im Forum sitzen junge neben älteren Leuten, Flüchtlinge neben Deutschen, Sponsoren neben Studenten. Seit Oktober probte das Absprung-Theater an diesem Stück, das nicht nur von Flüchtlingen handeln sollte, sondern sie direkt ins Spiel integrieren sollte. Da es im Absprung-Theater schon vor dieser Inszenierung syrische Mitspieler gab, war zumindest das Sprachproblem behoben.

Die Geschichte ist verrückt: Die vier Straftäter sollen sich überlegen, was für ein soziales Projekt sie als „Re-Integrationsmaßnahme“ ins Leben rufen wollen. Dabei kommt schnell das Thema Flüchtlinge auf den Tisch. „Das hat Potenzial“, stellen die vier fest. „Ein kleines, medienwirksames Projekt mit irgend ’ner netten Botschaft“, forderte der vor Effektivität strotzende Banker Kristian (Mario Fix). Das war dann auch schnell gefunden. Die vier wollen arabisches Essen kochen und auf einem Fest verkaufen, dazu arabische Musik spielen, einen Tanzworkshop durchführen. Doch dazu kommt es nicht, denn der Richter lehnt das Projekt wegen Banalität ab. „Scheitern ist nicht mein Ding“, setzt der Banker dagegen und zieht die Sache durch. Auf eigene Rechnung. Und natürlich gewinnbringend.

Vom Leben in Syrien erzählt

Doch das war eigentlich nur die Rahmenhandlung. Eine der Schlüsselszenen des Stückes war, als die syrische Lehrerin Salma, (Rawd Khatib-Schütz), bisher als männermordendes Luder dargestellt, von ihrem Leben in Syrien erzählte. Bauchfreie Shirts und hautenge Jeans gab es dort nicht, und auch das viele Flirten nicht. Und dann kamen die jungen Flüchtlinge auf die Bühne. Sie sangen nicht nur in englisch, arabisch und deutsch, sondern erzählten auch die Geschichten ihrer Flucht.

Da war Yazan, der hier Medizin studieren will, der in Syrien wie ein Sklave bei einem Blumenhändler arbeiten musste. Oder ein Koch aus Damaskus, bei dem die gefährliche Überfahrt übers Mittelmeer erst beim dritten Anlauf klappte. Oder ein anderer Jugendlicher, der geflohen ist, weil die politische Spaltung bis in die Familie eingedrungen war. Das Theaterstück endete mit einem Happy End und viel Applaus.

© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 24.02.2016

http://www.morgenweb.de/mannheim/stadtteile/fluchtlinge-mit-auf-der-buhne-1.2655990

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